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Seminar "Kreatives Schreiben im Journalismus" - Henrike Doerr im Gespräch

„[Die] Textsorte und die Erwartungshaltung des Lesers legen fest, ob ein bestimmter Stil für einen Text […] angemessen und gut ist oder nicht“ – erklärt Henrike Doerr auf die Frage, wer festlegt, was guter Schreibstil ist. Henrike Doerr ist Lektorin und Texterin, hat für diverse Buch- und Zeitschriftenverlage gearbeitet und ist seit 2010 selbstständig mit der Agentur textwelten. An der Universität Passau gibt sie das Seminar „Kreatives Schreiben im Journalismus“. Wir haben mit ihr über ihre Entscheidung, sich selbstständig zu machen, guten Stil und die Inhalte ihres Seminars in Passau gesprochen.

Kellerer: Frau Doerr, Sie haben Germanistik und Philosophie an der Universität Leipzig studiert und im Journalismus für verschiedene Tageszeitungen gearbeitet. Danach waren Sie mehrere Jahre als Lektorin in einem Belletristik- und Fachbuchverlag tätig. Seit 2010 sind Sie freiberufliche Lektorin, Texterin und Seminarleiterin. Was hat Sie dazu bewegt, sich selbstständig zu machen?

Henrike Doerr:
In der Selbstständigkeit habe ich die Chance gesehen, mich genau dort weiterzuentwickeln, wo ich das möchte. Das hat sich bewahrheitet. Ich kann mir meine Herausforderungen jederzeit selbst suchen, meine Aufgaben selbst zusammenstellen und mich weiterbilden, wo und wann ich es möchte. Diese Freiheit und Vielseitigkeit finde ich als Angestellte kaum realisierbar.

Kellerer: Einer Ihrer Workshops heißt „Texte redigieren mit Stil“. Was sagen Sie zu dem Spruch: „Stil hat man oder nicht“ – gilt er auch für den Schreibstil oder kann man diesen lernen? Wer legt fest, was guter Stil ist?

Doerr: Mit der Beantwortung dieser Frage könnte man Jahre verbringen. Zur ersten Frage möchte ich sagen, dass wohl jeder Mensch seinen eigenen Schreibstil hat. Es kann allerdings ein Weilchen dauern, bis er sich entfaltet und an die Oberfläche arbeitet. Gerade am Anfang des Schreibprozesses ist nämlich die Versuchung groß, bestimmten Vorbildern nachzueifern. Das passiert oft unbewusst. Die eigene, unverwechselbare Schreibstimme haben wir in uns. Davon bin ich überzeugt. Es erfordert jedoch manchmal Zeit und Übung, sie zu entwickeln.

Die zweite Frage beantworte ich regelmäßig in meinen Seminaren. Es gibt viele Theorien zum Stil. Meines Erachtens, legen aber die Textsorte und die Erwartungshaltung des Lesers fest, ob ein bestimmter Stil für einen Text in einem konkreten Kontext angemessen und gut ist oder nicht. Praktisches Beispiel: Greift ein Leser nach einem Kochbuch, erwartet er dort Rezepte. Das ist die Lesererwartung. Die Textsorte Rezept wiederum zeichnet sich unter anderem durch bestimmte Stilmerkmale aus, etwa anleitend zu sein, wenig ausschweifend und klar in den Anweisungen. Genügt der Text im Kochbuch diesen Kriterien und versteht der Leser, was er tun soll, dann ist das Rezept in einem guten Stil geschrieben.

Kellerer: Am Zentrum für Schlüsselkompetenzen bieten Sie das Seminar „Kreatives Schreiben im Journalismus“ an. Was lernen Studierende in Ihrem Seminar und wer sollte es besuchen?

Doerr: Im Seminar lernen die Teilnehmenden einige journalistische Textsorten kennen. Sie analysieren die Merkmale dieser Textsorten und schreiben dann selbst zum Beispiel Reportagen und knackige Überschriften. Ich erkläre den Zusammenhang von Textsorte und Stil genau. Wichtig ist dabei natürlich auch, welche Rolle der individuelle Stil einnimmt, den ja jeder Schreibende mitbringt. Und dann lernen die Teilnehmenden Kreativitätstechniken kennen, die sie nach Belieben einsetzen können. Für ihre privaten Schreibversuche ebenso wie für das berufliche Schreiben. Ich zeige, wie bestimmte Methoden des kreativen Schreibens für das journalistische Schreiben fruchtbar gemacht werden können, wie man aus Schreibblockaden herausfindet und den Wortschatz erweitert. Das üben die Studierenden alles mit eigenen Texten praktisch ein. Das macht viel Spaß und ist immer besonders schön.

Kellerer: Bitte vervollständigen Sie folgende Sätze:

Meine Seminare unterscheiden sich von anderen dadurch, dass...

Doerr:sehr viel Raum für Fragen ist und die Teilnehmenden sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit kreativ einbringen können, ja sogar sollen.

Und: Ich bin zufrieden mit dem Seminar, wenn…

Doerr:... ich erreiche, dass die Teilnehmenden intensiv mitarbeiten und ich den Eindruck habe, dass sie etwas für sich mitnehmen.

Vielen Dank für das Gespräch!

| 06.06.2017